You are here

Policy Insights

Was Goethe, Swift und Washington mit uns verbindet

Neue Einsichten in die Zukunft der alternden Gesellschaft
Source: stevanovicigor

In den Jahren zwischen 1817 und 1829 veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe seine Novelle Ein Mann von fünfzig Jahren. Es geht darin um die mitunter schmerzhafte Erfahrung des Älterwerdens und des „Ergrauens“, und die sich daraus ergebenden Absurditäten im Zusammenleben von Alt und Jung; oder, wie Jonathan Swift (der kurz vor Goethes Geburt im Alter von 77 Jahren starb) einmal ironisch bemerkte: „Jeder möchte gerne länger leben, aber niemand alt werden“.

Deutschland wird bald „älter“ und „grauer“ werden: Nach den neuesten Daten des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2015 liegt die Lebenserwartung in Deutschland im Moment bei etwa 78 Jahren für Männer und 83 Jahren für Frauen. Angesichts der Fortschritte beispielsweise im Bereich der Gesundheitsversorgung, der gesunden Ernährung und beim Umweltschutz ist zu erwarten, dass es in Zukunft zu weiteren Zuwächsen im Bereich der Lebenserwartung kommen wird, vermutlich sogar zu den durchschnittlich sechs Stunden mehr pro Tag, die Jim Oeppen und James W. Vaupel 2002 in einem weithin beachteten Aufsatz in Science berechnet hatten. Des Weiteren werden in den nächsten zwei Jahrzehnten die letzten Kohorten der Baby-Boomer-Generation das Ruhestandsalter erreichen. In den 2030er Jahren, also in nicht allzu ferner Zukunft, wird schätzungsweise etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Demografen haben frühzeitig darauf hingewiesen, dass weder ein erneuter Baby-Boom noch realistischer Weise zu erwartende Zuwanderungsgewinne die Bevölkerungsalterung noch aufhalten können.

Aber handelt es sich dabei wirklich um ein „Schicksal“, das wir nicht zum Positiven wenden könnten? Das Grünbuch Alternde Gesellschaft. Wie das „neue Altern” unser Leben verändern wird stellt neueste Forschungserkenntnisse zum Thema mit Blick auf Deutschland einer breiteren Öffentlichkeit vor, beschreibt aber auch die allgemeinen Trends der Bevölkerungsentwicklung und gibt Handlungsempfehlungen für die Politik. So weist die Lebenserwartung von Männern und Frauen immer noch starke Unterschiede auf, nicht nur auf Grund von biologischen (genetischen, hormonellen etc.) Faktoren, sondern auch begünstigt durch soziale Einflüsse und individuelles Verhalten (wie etwa den Bildungsabschluss, die individuelle Risikoaffinität oder die unterschiedliche Nutzung von medizinischen Angeboten). Nach Ansicht Anna Oksuzyans könnten ein besseres Verständnis davon, wie diese Faktoren zusammenhängen, und geschlechtsspezifische Beratungsangebote zu weiteren Fortschritten bei der Lebenserwartung beitragen. Die Psychologin Ursula Staudinger hebt hervor, dass wir sowohl in unserem Alltag als auch am Arbeitsplatz viel dazu beitragen können, um uns geistig fit zu erhalten: Neben (Weiter-)Bildung führen vor allem ein aktiver Lebensstil und Bewegung zu besserer kognitiver Leistungsfähigkeit im höheren Alter und steigern die Fähigkeit, nachteilige Effekte des Alterns zu kompensieren. Dadurch steigt die Chance, länger im Arbeitsleben zu verbleiben und auch länger unabhängig leben zu können. Der Wirtschaftswissenschaftler Christian Hunkler weist kompensatorische Effekte auch in physisch und mental anspruchsvollen Bereichen der Wirtschaft nach (wie bei der Fließbandfertigung von Lastwagen oder bei Finanzdienstleistungen). Alterserfahrung spielt etwa eine große Rolle hinsichtlich der Produktivität eines Teams, besonders in Situationen unter hohem Entscheidungsdruck und bei der Vermeidung kostenintensiver Fehler. Neue Methoden, wie die sog. National Transfer Accounts, ermöglichen eine genauere Schätzung der öffentlichen und privaten Transferleistungen und geben insbesondere Aufschluss darüber, wie wir die Phasen im Lebensverlauf, in denen der Konsum durch das eigene Einkommen abgedeckt wird, verlängern können, wie die Demografin Fanny Kluge zeigt. Nach der Volksabstimmung in Großbritannien über den Brexit und kürzlich auch im Zusammenhang mit der Bildung einer neuen Koalitionsregierung in Deutschland trat die Frage immer mehr in den Vordergrund des öffentlichen Interesses, wie eine angemessene Beteiligung der jüngeren Generation insbesondere an Entscheidungen, die deren Zukunft stark beeinflussen, sicher gestellt werden kann. Gerade in einer alternden Gesellschaft wie Deutschland ist dies ein wichtiger Aspekt, denn die gegenwärtige stabile wirtschaftliche Lage könnte maßgeblich dazu beigetragen haben, dass eine konfrontativere Debatte in unserer Gesellschaft über die faire Verteilung von Ressourcen zwischen den Generationen bislang vermieden werden konnte, wie der Politikwissenschaftler Harald Wilkoszewski meint.

Dies sind nur einige der Erkenntnisse aus dem Grünbuch, die zu einem gewissen Optimismus Anlass geben, aber auch zeigen, dass es immer noch großen Handlungsbedarf für die Politik gibt. Die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf derzeit 67 Jahre für die Jahrgänge ab 1964 (wobei nach mindestens 45 Beitragsjahren zur Rentenversicherung der abschlagsfreie Übergang in den Ruhestand je nach Jahrgang im Alter zwischen 63 und 65 Jahren möglich ist) war angesichts der Alterszusammensetzung der Bevölkerung nur ein erster Schritt. Derzeit wird diskutiert, dass ein weiterer Anstieg der Lebenserwartung auch eine längere Lebensarbeitszeit nach sich ziehen sollte, etwa nach einer Formel, bei der ab 2030 ein Anstieg um weitere zwei Jahre zu einem Aufschub des Renteneintritts um jeweils ein weiteres Jahr führen würde, wie der Rentenexperte Axel Börsch-Supan vorgeschlagen hat. Zum anderen strebt die Politik danach, Potentiale für den Arbeitsmarkt besser zu erschließen, um insbesondere dem durch die Alterszusammensetzung der Bevölkerung bedingten Fachkräftemangel entgegenzusteuern. Hierbei geht es vor allem um die Frage, wie wir Menschen länger im Arbeitsleben halten können, einerseits durch Kampagnen gegen ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und gegen Altersdiskriminierung, andererseits durch die Förderung der Weiterentwicklung von Assistenz- und Trainingssystemen für ältere Mitarbeiter in den Betrieben, wie sie Wenke Apt in ihrem Beitrag zum Grünbuch vorstellt. Des Weiteren bleibt Deutschland auch bei der Erwerbsbeteiligung von Frauen immer noch deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Neben Anreizen zur Beteiligung beider Elternteile an der Kindererziehung und zur Erleichterung von Teilzeit steht etwa der rechtliche Anspruch auf einen Platz in einer Betreuungseinrichtung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr des Kindes, der jedoch gerade in Ballungszentren nach wie vor schwer einzulösen ist. Zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie rückt nun vermehrt auch die Vereinbarkeit von Karriere und Familie in den Fokus, da Frauen nach wie vor deutlich weniger in Führungspositionen anzutreffen sind. Schließlich fordern die meisten Parteien für die jetzige Legislaturperiode ein Einwanderungsgesetz, das insbesondere die Zuwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften effizienter gestalten soll. Ein weiteres großes Handlungsfeld der Politik ist die Frage, wie wir bei fortschreitender Urbanisierung sicherstellen können, dass Menschen auch in weniger zentral gelegenen Gebieten sozial abgesichert und medizinisch gut versorgt sind. Der Ausbau des Breitbandnetzes, der den verstärkten Einsatz von digitalen Arbeitsumgebungen und „E-Health“ erlaubt, könnte eine Antwort sein. Die Politik versucht aber auch durch eine stärkere finanzielle Förderung des ländlichen Raums und dabei insbesondere der dort strukturbildenden mittelständischen Betriebe sowie durch die Dezentralisierung von staatlichen Funktionen (untere und mittlere Behörden, Hochschulen) dafür zu sorgen, dass auch in der Fläche Familien ausreichende Möglichkeiten vorfinden, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Schließlich geht es der Politik auch um die Zukunft der Pflege, die immer noch wesentlich in Privathaushalten und von Familienangehörigen geleistet wird und deshalb eine angemessene finanzielle Ausstattung erfordert.

Das Grünbuch zeigt: Die Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollten es sich auch weiterhin zum Ziel setzen, dass Menschen am Arbeitsplatz, an ihren Wohnorten in Stadt und Land sowie in ihren Familien Verhältnisse vorfinden, die es ihnen ermöglichen, auf die Herausforderungen der alternden Gesellschaft flexibel zu reagieren. Aber ist auch jeder Einzelne bereit, auf den längst abgefahrenen Zug in Richtung alternde Gesellschaft aufzuspringen? Viel hängt von unserer eigenen Wahrnehmung und von unseren Zukunftserwartungen ab. Das längere Leben, die spätere Familiengründung, eine größere Vielfalt bei den Familienstrukturen, zunehmende Mobilität, die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens und die zunehmende Forderung nach einer Ausdehnung der Beteiligung am Arbeitsmarkt – all dies kann die Verteilung der Zeit, die wir in unterschiedlichen Lebensphasen zur Verfügung haben, stark beeinflussen. Mit neuen Lebensverlaufsstrategien könnten wir in der Lage sein, die Kosten einer alternden Gesellschaft, die durch eine sich verringernde Arbeitsbevölkerung und höhere Kosten im Bereich von Alterssicherung und im Gesundheitswesen verursacht werden, zu kompensieren. Auch wenn sich dieser Befund nicht verallgemeinern lässt, da es in einigen Branchen nicht durchweg möglich sein wird, länger im Arbeitsleben zu verbleiben, und selbst wenn man zunehmende gesundheitliche Einschränkungen im Alter zu beklagen hat – die Ergebnisse der Forschung zeigen, dass der Einzelne weitaus mehr Potenzial und Flexibilität zur Anpassung hat, als wir es gemeinhin erwarten würden.

Im Jahre 1783 trat ein weiterer Zeitgenosse Goethes, Georg Washington, nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges von seinem Amt als Oberkommandierender der amerikanischen Kontinentalarmee zurück. Da die meisten Männer in seiner Familie im Alter von etwa 50 Jahren verstorben waren, rechnete Washington, der 1732 geboren worden war, damit, nun die letzten Jahre seines Lebens vor sich zu haben. Ein Jahr später verabschiedete er sich von seinem Kampfgefährten aus den Zeiten des Unabhängigkeitskrieges, Marquis de Lafayette, der ihn in Mount Vernon besuchte, als ob dies eines der letzten Male wäre, dass die beiden einander sehen würden. Wie wir wissen, änderte Washington seine Haltung, denn fünf Jahre später wurde er zum ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Nach einer zweiten Amtszeit als Präsident verstarb er zehn Jahre später, im Alter von 67 Jahren.

Natürlich kann nicht jeder so durchs Leben schreiten wie Washington. Aber Wahrnehmungen spielen eine Rolle, und es ist an der Zeit, unsere Vorstellung von unserem Leben in hohem Alter gründlich zu überdenken.

 

Literaturhinweise:

  • Ellis, Joseph J. (2004, deutschsprachige Ausgabe 2005, Paperback 2017): His Excellency: George Washington.
  • Falkingham, Jane C., Héran, François & James W. Vaupel (2011): Europe’s citizen should have a choice. Toward a new policy of life-course flexibility. Population & Policy Compact 11.
  • Oeppen, Jim, Vaupel, James W. (2002): Broken Limits to Life Expectancy. Science 296(5570): 1029-1031.
  • Swift, Jonathan (1706): Thoughts on Various Subjects, Moral and Diverting.
  • Vaupel, James W. & Andreas Edel (Hrsg.) (2017): Grünbuch Alternde Gesellschaft. Wie das „Neue Altern“ unsere Leben verändert. Population Europe Discussion Paper No. 6.
  • von Goethe, Johann Wolfgang (1817/1829): Ein Mann von fünfzig Jahren.

 

Der Autor dankt dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V., der die Publikation des Grünbuchs im Rahmen der Initiative „7 Jahre länger“ finanziell unterstützt hat. Teile dieses Artikels wurden auch in italienischer Sprache publiziert in Formiche 134, March 2018, 32 f.