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Gute Argumente für Investitionen in die Gesundheit

Gesundheitliche Ungleichheit in der Europäischen Union führt zu beträchtlichen Kosten
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In vielen Staaten ist die Gesundheit sehr ungleichmäßig über die Gesellschaft verteilt. Das bedeutet, dass Menschen mit niedrigerem Bildungsstand, schlechterer Beschäftigungssituation oder geringerem Einkommen tendenziell eine systematisch öfter krank sind und früher sterben.  Unzweifelhaft ziehen derartige Ungleichheiten im Gesundheitsbereich wirtschaftliche Kosten nach sich. Aber in welchem Umfang? Johan P. Mackenbach von der Erasmus-Universität Rotterdam und seine Kollegen präsentieren die ersten Daten für die Europäische Union.

 

 

Hypothese: ein hoher sozioökonomischer Status für alle

Die meisten bestehenen Forschungsarbeiten kommen zu dem Schluss,  Maßnahmen zur Reduzierung von Ungleichheiten im Gesundheitsbereich sollten auf eine „aufwärtsgerichtete Nivellierung“ ausgerichtet sein, mittels derer die höheren Morbiditäts- und Mortalitätsraten der sozioökonomisch schwächeren Bevölkerungsgruppen auf das Niveau derjenigen der sozial bevorzugteren Gruppen der Gesellschaft vermindert werden. Für ihre Analyse nutzten die Autoren folgenden Ansatz: Sie verglichen die aktuelle Lage in europäischen Staaten mit einer hypothetischen Situation, in der alle in der Bevölkerung einen Gesundheitsstatus hätten, der mit einem hohen sozioökonomischen Status korrespondiert. Hierdurch konnten die Forscher bestimmen, wie viele Fälle orzeitiger Todesfälle und Krankheiten der gesundheitlichen Ungleichheit zuzuschreiben sind. In einem zweiten Schritt berechneten die Wissenschaftler die daraus resultierenden ökonomischen Auswirkungen.

 

Verlust vieler Lebensjahre aufgrund gesundheitlicher Ungleichheit

In der Europäischen Union beläuft sich die Anzahl an Todesfällen, die auf gesundheitliche Ungleichheit zurückzuführen sind, auf mehr als 700.000 pro Jahr. Das ist die Differenz zwischen den 4,6 Millionen Todesfällen, die sich jedes Jahr in den EU-25 insgesamt ereignen und den 3,9 Millionen, die in dem kontrafaktischen Szenario mit „aufwärtsgerichteter Nivellierung“ auftreten würden. Unter der Annahme, dass pro Todesfall etwa 16 Jahre verloren gehen, beträgt die Summe an Jahren, die aufgrund gesundheitlicher Ungleichheit verloren geht, etwa 11,3 Millionen. Für die Morbidität schätzen Mackenbach und seine Kollegen, dass die Anzahl an Personen mit „weniger als guter“ Gesundheit (laut Selbsteinschätzung), um 33 Millionen Fälle reduziert werden könnte, wenn der Gesundheitsstatus aller Europäer auf den durchschnittlichen Gesundheitszustand von Menschen mit höherer Bildung verbessert werden könnte.

 

Einfluss gesundheitlicher Ungleichheit auf Wirtschaft und Wohlfahrt

Personen mit „sehr gutem“ oder „gutem“ Gesundheitszustand haben etwa viermal höhere Einkünfte als Personen mit „schlechtem“ und „sehr schlechtem“ Gesundheitszustand (Abbildung 1). Die Hauptursache für die geringeren Einkünfte von Menschen mit schlechtem Gesundheitszustand ist deren niedrigere Erwerbsbeteiligung: Für Menschen mit „sehr schlechtem“ Gesundheitszustand ist eine Erwerbsbeteiligung nur halb so wahrscheinlich wie für Menschen mit „sehr gutem“ Gesundheitszustand.

 

Abbildung 1: Große Unterschiede hinsichtlich der Höhe persönlicher Einkommen in Abhängigkeit vom allgemeinen Gesundheitszustand

 

Wie viel kostet es, wenn Gesundheitsprobleme dafür sorgen, dass ein Teil der Bevölkerung mit geringerer Wahrscheinlichkeit produktiv ist und sich an der Erwerbstätigkeit beteiligt? Derartige Schätzwerte für die durch Ungleichheit bedingten ökonomischen Verluste an Gesundheit als ein „Investitionsgut“ scheinen bei relativer Betrachtung bescheiden auszufallen (pro Jahr 1,4 % des Bruttoinlandsprodukts, BIP), stellen in absoluten Zahlen aber bereits einen großen Betrag dar (141 Milliarden Euro).

Da ein guter Gesundheitsstatus in der Regel mit Arbeitsfreude und höhere Lebensqualität (beispielsweise durch Freizeitaktivitäten) einhergeht, trägt die Gesundheit außerdem direkt zu dem Glück und der Zufriedenheit von Individuen bei. Taxiert man den Wert von Gesundheit als ein solches „Konsumgut“, beläuft sich der monetäre Wert von Wohlfahrtsverlusten aufgrund gesundheitlicher Ungleichheit auf 980 Milliarden Euro pro Jahr oder 9,4 % des BIP.

Diese Verluste machen 15 % der Gesamtkosten der sozialen Sicherungssysteme aus (z. B. Leistungen wegen Arbeitslosigkeit oder Erwerbsunfähigkeit) sowie 20 % der Gesamtkosten der Gesundheitssysteme (z. B. ärztliche und Krankenhausdienstleistungen).

Die Autoren betonen, dass es sich bei all diesen Schätzwerten nur um Jahreswerte handelt. So lange die gesundheitliche Ungleichheit fortbesteht, werden sich die Verluste weiterhin über die Jahre akkumulieren. Die Schätzwerte sollten als erster Versuch gewertet werden und sind mit einer beträchtlichen Unsicherheit behaftet. Dennoch deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die wirtschaftlichen Kosten der gesundheitlichen Ungleichheit erheblich sind und (sofern in weiteren Studien bestätigt) zu ihrer Verringerung bedeutende Investitionen in Maßnahmen und Interventionen rechtfertigen sollten.

 

 

Please note that only the English version is citable as this is the version that has been approved by the author(s). Please cite the PopDigest as: Cassens, Insa (2012): Good Arguments For Investing In Health: Economic costs of health inequalities in the European Union are substantial. PopDigest 38. Berlin: Population Europe. Available at: http://population-europe.eu/pop-digest/good-arguments-investing-health. (Date of Access)

This Population Digest has been published with financial support from the Progress Programme of the European Union in the framework of the project “Supporting a Partnership for Enhancing Europe’s Capacity to Tackle Demographic and Societal Change”.

Author(s) of the original publication: 
Writer: 
Insa Cassens